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Vortrag in Homburg, Kammermusiktage Saar/Pfalz, 24. Mai 1998

Paul Juon, seine Musik, sein Leben

An den Kammermusiktagen Saar-Pfalz (23. bis 31. Mai 1998) in Homburg wurden folgende Werke von Paul Juon aufgeführt: Divertimento op. 34 für Klarinette und zwei Violen; Sonate op. 78 für Flöte und Klavier; Sextett c-Moll op. 22 für zwei Violinen, Viola, zwei Violoncelli und Klavier; Quintett d-Moll op. 33 für Violine, zwei Violen, Violoncello und Klavier; Vier Lieder aus op. 13 und 99.

Wenn es darum geht, das Charakteristische von Juons Musik zu beschreiben, suchen manche Kritiker nach Ähnlichkeiten mit anderen Komponisten und stellen dann fest: hier tönt es nach Brahms, hier nach Tschaikowsky, hier nach Dvorák oder Janácek, Rachmaninow, Mussorgski, Skriabin, oder gar nach Schostakowitsch, Strawinsky und so weiter. Bei diesem Spiel erinnern sie mich immer ein bisschen an Kinder, die im Garten nach Ostereiern suchen. Selbstverständlich sind welche zu finden, Juon steht als Spätromantiker in der Brahms-Nachfolge und schöpft gleichzeitig aus der deutschen Romantik und der russischen oder nordischen Musik, aber ich möchte von einem anderen Standpunkt ausgehen und versuchen, anhand von einigen Beispielen seine Eigenart zu beschreiben und nicht seine Ähnlichkeit mit anderen. Da das Programm der Kammermusiktage mit Ausnahme der Flötensonate und eines Liedes eher frühe Werke bringt, habe ich hier vor allem Spätwerke ausgewählt.
Im zweiten Teil werde ich Ihnen dann Dokumente über Juons Leben und Charakter vorlegen.

I

(Dieser erste Teil über Juons Musik entspricht weitgehend den Ausführungen in den anderen Vorträgen. Deshalb lasse ich ihn hier weg. Falls Sie doch den ganzen Vortrag lesen möchten, können Sie sich die PDF-Datei der ungekürzten Fassung auf Ihre HardDisc laden: Homburg PDF)

II

Mir scheint, Juons hervorstechendste Charaktereigenschaft war seine Bescheidenheit. Dazu kann ich Ihnen zunächst zwei Zeugnisse von Drittpersonen vorlegen.
Pauls Bruder Eduard hat 1925 eine Familiengeschichte veröffentlicht, in der er seinen zwei Jahre älteren Bruder Paul folgendermassen charakterisiert:
Seine Kompositionen - zumeist Kammermusikwerke - werden in der ganzen Welt gespielt und in Musikkreisen hoch geschätzt. Jeder Reklame ist mein lieber Bruder Paul aber abhold; hierin ist er von rührender Hilflosigkeit, wie er überhaupt an persönlicher Anspruchslosigkeit seinesgleichen sucht.

Das zweite Zeugnis stammt von einem seiner besten Freunde, dem Musikverleger Robert Lienau. Dieser schrieb zu Weihnachten 1942, also zwei Jahre nach Juons Tod, seine Memoiren. Sie wurden aber nicht veröffentlicht, sondern nur im Freundeskreis vorgelesen und waren nicht einmal mehr beim Lienau Verlag selber bekannt. Im Fonds Paul Juon (FPJ der Bibliothek von Lausanne) gibt es ein Typoscript mit dem Titel "Ich erzähle / Erinnerungen eines alten Musikverlegers". Darin (S. 45) erzählt Lienau - er hat eben einen Brief von Sibelius zitiert - wie er Paul Juon kennengelernt hat:

Nicht nur Sibelius hat von Paul Juon viel gehalten. Jeder, der sich näher mit seinen Kompositionen beschäftigte, hat seine Bedeutung erkannt. Ich selbst habe als Verleger meine ganze Kraft für ihn und sein Schaffen eingesetzt und den grössten Teil seiner Werke verlegt. Zunächst war es ein glücklicher Zufall, der uns zusammenführte. Auf einem Hausquartettabend im Winter 1897 machte mich der Geigenbauer und Cellist Otto Möckel auf seinen jungen Schwager Paul Juon aufmerksam, der Musiker sei und u.a. auch hübsche Klavierstücke geschrieben habe. Ich lud Juon ein, und er spielte uns (mein Vater war krank und hörte im Nebenzimmer zu) mit dem Geiger Franz Fink seine Violinsonate [Op. 7] und die kleinen Klavierskizzen (op. 1) vor. Unser Eindruck war stark, man empfand sofort, dass hier ein junges Talent im Werden war, und ich entschloss mich kurzerhand, den Versuch zu wagen und die ersten Werke zu erwerben. Juon, der damals mit seiner jungen lieblichen Frau in sehr bescheidenen Verhältnissen lebte, erzählte mir später, er sei durch das erste Honorar von RM 100.- so freudig überrascht gewesen, dass er im Sturmschritt nach Haus gelaufen sei und dort seine Katy immer wieder jubelnd geherzt und geküsst habe.
Um ihm ein freies Schaffen zu ermöglichen, gelang es mir, einige wohlhabende Musikfreunde für ihn zu interessieren und ihm durch mehrere Jahre ein ansehnliches Stipendium zu verschaffen, so dass er das ermüdende Unterrichten zurückstellen konnte. In unermüdlicher Arbeit entwickelte er sich jetzt zum fertigen Meister und schuf zahllose Werke. Er wurde Theorielehrer an der Berliner Hochschule für Musik; ein grosser Schülerkreis verehrte ihn bald. Die Erfolge seiner Kompositionen, besonders die unter nordischem Einfluss entstandene Kammermusik steigerten sich von Jahr zu Jahr, zuletzt auch bei seinen grossen Orchesterwerken. Ich habe fast alle Kompositionen Juon's verlegt, die heiteren wie die ernsten. Mein Vertrauen wurde nicht enttäuscht, wenn auch Rückschläge nicht ausblieben. Persönlich traten wir uns immer näher und wurden wahre und unzertrennliche Freunde, ein ideales Verhältnis von Autor und Verleger! Und wenn Juon auch den letzten Schritt, der ihn wohlverdient auf die Höhe grosser Tonmeister bringen musste, in Folge seines all zu frühen Todes nicht selbst tun konnte, so bin ich doch fest überzeugt, dass die Zeit für die volle Anerkennung seiner hundert Werke kommen wird: denn Juon ist neue Wege gegangen!

Auf Seite 27 im selben Dokument ist die Rede vom Dirigenten Fritz Steinbach (1855-1916):
An den Kompositionen des jugendlichen Paul Juon, auf die ich als deren Verleger Steinbach aufmerksam gemacht hatte, fand er Gefallen. Juon hatte seine erste Sinfonie beendet [Op. 23, 1903] und Steinbach erbot sich, sie mit seinem Orchester zu probieren. Ich fuhr mit Juon hin, und das neue Stück wurde in einer Probe eingehend durchgespielt. Am Schluss sagte Steinbach: "Es ist ein gutes Stück, ich werde es im nächsten Winter in Berlin aufführen. Aber - offen gesagt - der letzte Satz gefällt mir nicht. Da müssen Sie etwas Neues machen." Juon verstand, setzte sich nach der Rückkehr ans Pult und schrieb in wenigen Tagen ein neues Finale, das nun Steinbach voll befriedigte. Die Berliner Uraufführung wurde dadurch aufs erfolgreichste gekrönt.
Diese Sinfonie hatte wirklich auch nach ihrer Uraufführung durch die Meininger Hofkapelle weiterhin sehr grossen Erfolg. Es gab Aufführungen in Berlin, London, Moskau, St. Petersburg, Amsterdam, Rotterdam, Köln, Bückeburg, Warschau, Budapest, Wien, Manchester, Boston, New York.

So schildert also Robert Lienau Juons Anfänge. Als er ihn einmal um eine ausführlichere Selbstdarstellung bat, erhielt er das folgende Dokument, das im Archiv des Lienau-Verlages in Frankfurt aufbewahrt wird, mit dessen freundlicher Erlaubnis ich es hier wiedergeben darf. Es ist nicht datiert, wurde aber sehr wahrscheinlich an jenem 1. April 1907 geschrieben und zeigt auf köstliche Art, wie bei Juon die Bescheidenheit sich oft als Selbstironie äusserte.


Paul Juon: Grosse Selbstbiographie in 7 Bänden.

Band I.
Geboren am 8. März 1872 zu Moskau.

Band II.
Mein Vater war Beamter einer Feuerversicherungsgesellschaft (gegenwärtig ist er Direktor einer solchen). meine Mutter beschäftigte sich gern mit Kunst, sie sang und spielte ein wenig. Aus dem Umstand, dass ich mich als Knabe gern unter dem Flügel aufhielt (vermutlich um Pedalstudien zu machen!), folgerte man, dass ich ein grosses Talent für die Musik habe und engagierte für mich eine Klavierlehrerin. Bei dieser Dame lernte ich J. Ascher's sämtliche Werke u. ähnliche Stücke mit Gefühl spielen. Zu meiner Glück starb die Dame bald, und ich erhielt einen Lehrer in der Person L. Samson's, bei dem ich ernstere Dinge lernte. Später erhielt ich auch Geigenunterricht, denn mein Vater wollte einen Geiger aus mir machen.

Band III.
Meine erste Komposition schrieb ich etwa 12 - 13 Jahre alt, auf Veranlassung meines Vaters nieder, welcher gemerkt hatte, dass ich gern am Klavier sass und improvisierte. Es war ein Klavierstück und hiess "Trennung und Wiedersehen." Weiter weiss ich nichts mehr davon. Ich weiss nur, dass ich seit der Zeit eine unzählige Menge verschiedener Stücke (vornehmlich Klavier- Violinsonaten) "komponierte", was mir furchtbar viel Spass machte, besonders wenn die Schnörkel und Verzierungen auf dem Titelblatt gut und zahlreich gelangen. Das Titelblatt war die Hauptsache. Ich machte es immer zu allererst, bevor auch nur eine Note des Stückes komponiert war (manchmal blieb es auch unkomponiert und ich begnügte mich mit dem Titelblatt). Von der Theorie der Musik habe ich damals noch garnichts gewusst, denn ich habe das Studium derselben erst auf dem Konservatorium begonnen.

Band IV.
Auf das Konservatorium kam ich im Jahre 1888 und studierte dort auf Wunsch meines Vaters hauptsächlich Geige. Doch interessierten mich die Theoriestunden bei Arensky und Tanejew bei weitem mehr. Noch mehr aber - Mädchenaugen, Mädchenherzen; darum studierte ich sie auch am eifrigsten; ich bereue es aber nicht, obwohl dadurch meine anderen Studien zeitweise nur sehr bedenkliche Fortschritte machten.
Im Jahre 1894 kam ich nach Berlin, um unter Prof. Woldemar Bargiel weiter zu arbeiten.

Band V.
Im Jahre 1896 erntete ich auf allen von mir durchstudierten Gebieten meine ersten Erfolge: ich erhielt einen Ruf an die Musikschule zu Baku als Violinlehrer, das Mendelssohnstipendium für Komposition wurde mir verliehen, und - die schönsten Mädchenaugen, das beste Mädchenherz durfte ich mein nennen.
In Baku blieb ich nur ein Jahr: ich fand dort gar zu wenig künstlerische Anregung und beschloss, mit Frau und Kind nach Berlin überzusiedeln, um hier mein Glück zu versuchen. So lebe ich denn seit Oktober 1897 in Berlin, gebe Unterricht, komponiere "ein bisserl" und fühle mich recht wohl, trotzdem ich 3 Kinder und 1 Schwiegermutter habe.

Band VI.
Im Oktober 1901 erhielt ich ein Stipendium der Franz Liszt Stiftung und im April 1906 bin ich zum Lehrer für Komposition an der Kngl. Hochschule für Musik ernannt worden.

Band VII.
Seit dem 1. April 1907, 4 Uhr nachmittags, trage ich einen langen Spitzbart.


Nicht nur als Selbstironie, sondern auch als Selbstkritik kann sich die Bescheidenheit äussern. Das bezeugt ein Passus in einem Brief an seine Tochter Irsa vom 12. Februar 1939, in dem sich das Juonsche Berufsethos zeigt:
Ich bastle immer noch an meinen Tanz-Capricen [Op. 96] herum. Es gibt immer noch etwas zu verbessern. Es ist immer gut, die Handschrift nicht zu voreilig aus der Hand zu geben. Man kann nicht streng genug sein in künstlerischen Dingen. Man soll von jeder einzelnen Note genau wissen, warum man sie geschrieben hat. Es darf keine stehen bleiben, die nicht unbedingt notwendig ist. Darum kratze und radiere ich "auf Deibel komm heraus" und muss jeden Augenblick meinen Schreibtisch putzen.

Am 24. Oktober 1930 brachte die Königsberger Allgemeine Zeitung einen Artikel, in dem Juons künstlerisches CREDO wie folgt wiedergegeben wird:

Unterhaltung mit Paul Juon.
Professor Paul Juon, der bekannte Berliner Komponist, der heute abend im Königsberger Rundfunk einen Abend seiner Kompositionen leitet, war so liebenswürdig, uns eine kleine Unterhaltung zu gewähren. Auf unsere Frage, wie er sich die nächste Entwicklung des kompositorischen Schaffens denke, sagte er ungefähr folgendes: Es ist natürlich schwer, auf diesem Gebiet Prophet zu sein. Die Wirrnis aber, die noch vor zehn Jahren alles vernebelte, ist heute doch bereits deutlich in Klärung. Es war damals das für jede Gärungsepoche typische "Schwimmen gegen den Strom".
Aber auch diese Zeit hatte ihr Gutes; sie hat uns gelehrt, Dissonanzen willig hinzunehmen. Denn dass die Musik von heute und morgen anders sein muss, als die von gestern, das steht für Professor Paul Juon, der durchaus fortschrittlich eingestellt ist, als selbstverständlich fest. Nur eins wird sich ändern müssen. Die Musik wird wieder mehr zu den Sinnen und der Seele sprechen. Aus diesem Grunde ist er der Meinung, dass ein Mann wie Arnold Schönberg sich gar zu sehr ins kalt-intellektualistische Fahrwasser begeben habe und als Komponist mehr und mehr in einer Sackgasse gelandet sei.

Leider sind bis jetzt nur sehr wenige Briefe Juons bekannt geworden, und ich hoffe sehr, dass es der Juon-Gesellschaft gelingen wird, mehr davon zutage zu fördern. Von einem besonders wichtigen Brief besitze ich aber sogar das Original, das mir vom Sohn des Adressaten geschenkt wurde. Der Brief ist an den damaligen Churer Musikdirektor Ernst Schweri gerichtet und datiert von

Langenbruck, den 15. 9. 23

Sehr geehrter Herr Musikdirektor!
Für Ihre freundliche Bereitwilligkeit, ein wenig Propaganda für mein erstes Auftreten in Chur zu machen, danke ich Ihnen herzlich. Ich habe meinen Verleger gebeten, Ihnen einiges Material zu diesem Zweck zu senden, bezweifle aber, ob es noch rechtzeitig eintrifft, darum möchte ich Ihnen hier einige Daten über mein Leben und Wirken geben.
Ich bin 1872 in Moskau geboren (bin aber schweizerischer Abstammung: mein Grossvater war aus Masein b/ Thusis nach Russland ausgewandert. Die Gemeinde Masein hat das auch ohne weiteres anerkannt und mir einen Heimatschein ausgestellt). Nach Absolvierung der Moskauer Deutschen Realschule kam ich aufs dortige Konservatorium, um zunächst Geige zu lernen. Später nahm ich auch Kompositionsstunden auf (bei Tanejew und Arensky). Nach Absolvierung des Konservatoriums war ich ein Jahr lang Violin- u. Theorielehrer in Baku a/ Kaspischen Meer. Dann zog ich nach Berlin, um das dortige musikalische Leben kennen zu lernen und weitere Studien zu treiben. Ich hatte 2mal das Glück, den Mendelssohnpreis zu gewinnen, meine Werke wurden hier und da mit Erfolg aufgeführt, es fand sich auch ein Verleger, der sie herausgab. Das alles veranlasste mich, in Deutschland zu bleiben und mich mehr dem Komponieren zuzuwenden, während ich das Geigenspiel nach und nach vernachlässigte. Im Jahre 1905 wurde eine Symphonie von mir vom Meininger Generalmusikdirektor Fritz Steinbach mit sehr grossem Erfolg in Berlin aufgeführt. Gleich darauf berief mich der damalige Direktor der Hochschule für Musik, Josef Joachim, als Lehrer an dieses Institut. Bald wurde ich zum Professor ernannt, auch in die Akademie gewählt. Verschiedene Ehrenämter wurden mir übertragen, z. B. bin ich Kurator der Mendelssohnstiftung, Mitglied der Staatl. Sachverständigen-Kammer u. a. m.
Meine Werke fanden immer weitere Verbreitung und werden nicht nur in Deutschland, sondern auch im übrigen Europa und neuerdings auch in Amerika ziemlich viel aufgeführt. Der Schwerpunkt meines Schaffens liegt auf dem Gebiet der Kammermusik: 4 Sonaten, 4 Trios, 5 Quartette, 2 Quintette, 1 Sextett, 1 Kammersinfonie, daneben viele kleinere Stücke für Klavier und Violine; grössere Werke für Orchester habe ich nicht viel geschrieben: ausser der Symphonie nur noch eine symphonische Phantasie (Wächterweise) über dänische Volkslieder, eine Serenadenmusik und ein Ballett "Psyche", das in Budapest aufgeführt wurde, 2 Violinkonzerte und 1 Triplekonzert. In der Schweiz ist meines Wissens noch nicht viel von mir aufgeführt worden. Ein Klavierquartett spielte ich selbst in Basel, Aarau u. Zürich, das Triplekonzert dirigierte ich in Bern. Ausserdem wurden die Kammersinfonie und ein Trio in Zürich und Genf aufgeführt.
Meine Werke zu charakterisieren geziemt mir eigentlich nicht. Nur ganz kurz kann ich sagen, dass sie fast durchweg ziemlich herb und von düsterem nordischem Kolorit sind. Bekanntlich sind die Eindrücke, die man in der Jugend empfängt, die stärksten, darum sind hauptsächlich Einflüsse der russischen Volksmusik (die ich, übrigens, sehr liebe) in meinen Werken vertreten. - Das dürfte genügen.
Ihnen nochmals herzlichst dankend, grüsst Sie und auch Ihre Frau Gemahlin bestens

Ihr ergebener Paul Juon

Natürlich hat dieser Brief für mich eine ganz besondere Bedeutung, nicht nur als Selbstdarstellung, sondern auch weil er Juons Bemühungen um ein Konzert in Graubünden zeigt. Die Erfüllung dieses Wunsches blieb ihm aber versagt. Das Konzert kam nicht zustande.

Besondere Bedeutung haben die Briefe an seine Tochter Irsa und, was das Handwerkliche betrifft, an Hans Chemin-Petit, der zuerst Juons Schüler war, dann aber zu einem seiner besten Freunde wurde und auch viele seiner Werke aufgeführt hat. In diesen Briefen sind die letzten Jahre, die Juon in der Schweiz verbracht hat, ziemlich gut dokumentiert.
Daraus möchte ich Ihnen noch ein paar Stellen vorlegen, in denen es um die Arbeit an der Rhapsodischen Sinfonie Op. 95 geht.
Aus Vevey schreibt am 29. Juli 1937 er an Hans Chemin-Petit :
Nach einigen Tagen darf ich endlich die Klinik verlassen. Denke mal: ich habe sozusagen über Nacht eine ganze Sinfonie komponiert. In grossen Umrissen steht sie fertig da in meinem Kopf. Aber es ist noch nicht eine einzige Note auf dem Papier. Zwei Jahre habe ich vergeblich gesucht, und nun ist sie urplötzlich da! -
18. August 1937: Ja, mit meiner neuen Sinfonie ist's wirklich eine sonderbare Geschichte. Ich trage sie immer noch im Kopf herum, überlege allerhand Einzelheiten. Aber zum Schreiben ist es noch zu früh. Die Hand ist noch zu zitterig, und das Auge ermüdet sehr schnell. Aber der richtige Moment wird schon kommen.
12. Oktober: Ich habe mich endlich ans Notenpapier herangewagt. Einige Blätter voll Skizzen sind schon da. Aber ich komme nur schwer und langsam vorwärts. Ja, das Komponieren ist und bleibt ein Kampf, der Kampf des Geistes mit der Materie. Die Idee will Gestalt gewinnen. Aber wie grob ist doch die Materie. Die geheimsten Regungen, die feinsten Fäserchen der Idee werden von der Materie einfach erdrückt, wenn die Idee nicht ihre ganze List, Schlauheit und Vorsicht aufbietet, damit das irdische Gewand ihre Reinheit nicht verdeckt, verwischt, verfälscht.
10. November: Mein neues Stück ist im Rohbau fertig. Nun kommt die innere Ausstattung und die Instrumentation, die eigentlich auch schon so gut wie fertig ist (im Kopf). Mir graut vor der nunmehr beginnenden endlosen Schreiberei. Aber es muss ja sein. Ein anderer kann's nicht machen.
5. Dezember 1937: Mit meiner neuen Sinfonie bin ich immer noch nicht so recht zufrieden und mache immer wieder grosse Änderungen. So habe ich alles in andere Tonarten geschoben. Das hat sich aus vielen Gründen als notwendig erwiesen. Das hat natürlich auch zu allerhand Retouchen hinsichtlich Stimmung, Ausdruck, Kolorit geführt. Die Haupttonart ist jetzt F. Mit meiner Gesundheit steht es jetzt gut. Gestern war ich zum letzten Male beim Arzt. Ich muss nur noch eine kleine Kräftigungskur machen und einige Pillen schlucken.
25. April 1938: Ich habe noch bis jetzt an meiner Sinfonie herumgefeilt und verbessert. Ich hoffe, dass sie in Düsseldorf eine einigermassen gute Figur machen wird. Die Herren, die bei der Probe in München dabei gewesen sind, haben mir allerhand Komplimente gesagt (was allerdings noch keine Garantie für einen Erfolg ist)

Diese Rhapsodische Sinfonie op. 95 wurde an den Reichsmusiktagen in Düsseldorf (22. - 29. Mai 1938) im Eröffnungskonzert uraufgeführt, und die Rezensionen in den Zeitungen von ganz Deutschland berichten von einem sehr grossen Erfolg, den Juon noch miterleben durfte. Freilich hatte die hohe Zahl der Pressemitteilungen nicht nur musikalische Gründe, sondern auch propagandistische, politische. Der Anlass war ein "tönendes Bekenntnis nationalsozialistischer Kulturpolitik", wie die Schlagzeile der Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23. Mai 1938 lautete. Neben den Konzerten fand auch eine Ausstellung "entarteter Kunst" statt, in der die Werke von Schönberg, Alban Berg, Schreker, Strawinsky, Hindemith, Weill, Toch, Rathaus, Brand, Hauer, Webern etc. angeprangert wurden Im Archiv Lienau gibt es eine Sammlung von etwa 50 Presseausschnitten über dieses Konzert, von denen hier nur 2 Ausschnitte wiedergegeben seien:

Hamburger Anzeiger vom 23. Mai 1938: Nach den jungen Leuten kam die Musik eines weisshaarigen Mannes zur Uraufführung, die Rhapsodische Sinfonie von Paul Juon (*1872). Sie ist getragen von einer hinreissenden Vitalität des Einfachen, einer klaren melodischen "Stimmigkeit", einer wirklich schöpferischen Form der Handlung und einer überlegen gemeisterten Instrumentierungskunst. Es ist ein Werk, das auf Anhieb begeistert, und zwar Fachleute und Laien; denn hier ist das Menschliche ohne Abstrich und ohne Phrase zur Musik geworden. Die Wiedergabe, eine prachtvolle Leistung des Balzer-Orchesters, erweckte spontanen Jubel.
Münchner Neueste Nachrichten vom 26. Mai: Der Beifall steigerte sich zu stürmischen Kundgebungen für P. Juon, dessen Sinfonie den Haupterfolg des Abends davontrug.

Im Herbst 1939 schrieb Juon dem bekannten Walserforscher Paul Zinsli:

Ja, das Böse auf Erden triumphiert wieder einmal! Wenn man sieht, wie alles Gute und Schöne (nicht zum wenigsten auch Kunst und Musik) brutal an die Wand gedrückt wird, während Lüge, Heuchelei, Gemeinheit und jegliche Niedertracht Orgien feiern und die Seelen der Menschen vergiften, dann wird einem ganz weh ums Herz! Auch ich bin herausgerissen aus meiner gewohnten Tätigkeit. Vorbei ists mit den glückseligen Stunden des freien Schaffens: die Lust dazu und die Fähigkeit der Konzentration sind wie weggeblasen.

Die Sorgen über den Krieg gingen ihm besonders nahe, ja sie wurden für ihn zur eigentlichen Todesursache, wie mir Juons Tochter Aja Erguine am 3. Oktober 1997 schreibt:

Im ersten Weltkrieg stand der Vater seinen Brüdern in Russland gegenüber. Nur ein gütiges Schicksal befreite ihn vom Kampfe an der Front, aber nicht vom Dienst als Dolmetscher in Ostpreussen. Im 2. Weltkrieg standen sich seine beiden Söhne gegenüber, Ralf als Offizier der Reichswehr, und Remi, als naturalisierter Franzose in die D. C. A. [= Défense contre Avions, die französische Fliegerabwehr] eingeteilt, kämpften im Elsass während der "Drôle de Guerre" gegeneinander. Nur 7 Kilometer trennten sie voneinander. Nur der Vater wusste es. Wir erfuhren es erst später, aber der Vater war schon krank...

Aja lebte auch damals schon in Frankreich, und viele andere Familienmitglieder waren in Russland geblieben, darunter Pauls Bruder Konstantin, der Maler. Man kann sich kaum vorstellen, wie schwierig diese Situation für den in der Schweiz im Exil lebenden Paul Juon war, hatte er doch sehr starke Bindungen zu seiner ganzen Familie.
Am 21. August 1940 starb Paul Juon in seinem Haus in Vevey. Beerdigt wurde er jedoch in Langenbruck (BL), wo er früher im "Hegner-Hüsli" so oft die Ferien verbracht hatte.

Ich verzichte darauf, hier die Chronologie seines Lebens zu wiederholen. Ich wollte nur versuchen, sein Werk und seinen Charakter zu skizzieren. Wenn man verstehen will, weshalb seine Musik nach dem Weltkrieg derart in Vergessenheit geraten ist, sollte man beides kennen, sein Leben und sein Werk. Werk und Leben verdienen aber auch, dass man sie wiederentdeckt, und dieses Wiederentdecken möchte die Internationale Juon-Gesellschaft fördern, für die ich gerne Mitglieder und Unterstützung gewinnen möchte.


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 Thomas Badrutt
Homburg, 19. Mai 1998
leicht überarbeitet 12.. 4. 1999