Mitteilungsblätter


Chur, 4. Mai 1999


Liebe Juonfreunde!
es stimmt nicht, dass Paul Juon Graubünden nie besucht hat; ich werde das biographische Kapitel für die zweite Auflage meines Werkkataloges ergänzen und korrigieren müssen Vor kurzem habe ich nämlich unter anderem die folgenden Briefmanuskripte Juons bekommen:

Langenbruck, den 29. August 22

Sehr verehrter, lieber Herr Giesch!
Endlich kann ich Ihnen heute die Lieder senden. Als ich von der so schönen Reise mit meinem Bruder nach Hause kam, fand ich eine eilige Arbeit vor, welche ich zuerst erledigen musste. Nun aber sind die Lieder fertig. Ich hoffe, dass sie zu Ihrer Zufriedenheit ausgefallen sind, was mich gewiss herzlich freuen würde. Sollten Sie aber noch irgend einen Wunsch haben, so will ich ihn gewiss gern erfüllen, wie es mir überhaupt stets eine grosse Freude sein wird, für Sie und für meine liebe alte Heimat alles mögliche zu tun, was in meinen Kräften steht. Falls Ihnen meine Arbeit gut gefällt und Sie gern noch mehr Lieder vierstimmig singen möchten, so senden Sie mir nur ruhig das Buch noch einmal, oder aber lassen Sie die betreffenden Melodien (Cantus I, - die andern Stimmen brauche ich nicht) abschreiben und senden Sie mir diese Abschriften, um nicht das ganze Buch hin und her zu senden. Ich nehme an, dass sich in Masein jemand finden dürfte, der die Noten genau abschreiben könnte. Vielleicht Onkel Simon's Tochter Anni? Jedenfalls hoffe ich, dass Sie sich in musikalischen Angelegenheiten stets vertrauensvoll an mich wenden werden.
Die Eindrücke, die ich in Masein empfangen habe, werden mir unvergesslich bleiben. Der Tag, den ich dort verbracht habe, ist einer der schönsten meines Lebens. Es war nicht nur der Umstand, die Heimat meiner Vorväter vor Augen zu haben, der ein ungeahntes wundervolles Glücksgefühl in meinem Herzen wachrief, sondern auch die überaus warme Gastfreundschaft, die Sie, verehrter Herr Giesch, nebst Ihrer Frau Gemahlin, sowie die Familie unseres Onkels Simon meinem Bruder und mir in so rüh-render Weise schenkten. Haben Sie viel tausendmal herzlichen Dank für all' Ihre Güte!
Bis Ende des Monats bleibe ich mit meiner Familie noch hier. Dann aber muss ich wieder nach Berlin an die Arbeit. Arbeit giebt es ja dort für mich in Hülle und Fülle. Ich tue sie aber freudigen Mutes in der Hoffnung, die Sommerferien wieder im herr-lichen Schweizerland verbringen zu können und alle meine lieben Freunde gesund wiederzusehen.
Also auf ein gesundes und frohes Wiedersehen, lieber Herr Giesch.
Mit herzlichsten Grüssen auch an Ihre Frau Gemahlin

Ihr Paul Juon

Gleichzeitig sende ich Ihnen das Buch zurück.

Der Adressat, Luzius Giesch, war damals Gemeindepräsident von Masein, und seine Enkelin hat mir die Dokumente ausgehändigt, welche die Bestätigung des Maseiner Bürgerrechts betreffen. Ich hoffe sehr, dass auch die erwähnten Lieder in irgend einem Notenschrank in Masein noch zum Vorschein kommen werden.
In einem zweiten Brief vom 12. Oktober 1922 an den Vorsteher der Bürgergemeinde legt Paul Juon seine Familien- und Vermögensverhältnisse dar, und in einem dritten, wieder an Herrn Giesch, dankt er für den Erhalt der Dokumente:

Berlin, d. 12. XI. 22

Hochverehrter, lieber Herr Giesch!
Mit welcher ungeheueren Freude ich Ihren lieben Brief gelesen habe, können Sie sich gewiss denken. Mein Herz ist voll Dankbarkeit für Sie, mein sehr verehrter Herr Giesch. Ich werde gewiss freudig jede Gelegenheit ergreifen, Ihnen meinen Dank nicht nur mit Worten, sondern auch durch Taten auszudrücken. Auch Herrn Gartmann bin ich Dank schuldig, sowie der ganzen Gemeinde Masein. Ich werde auch für die Gemeinde Masein etwas tun, weiss nur noch nicht, in welcher Form es mir am ehesten möglich sein wird. Ich habe daran gedacht, in Chur u. in Thusis Konzerte zu veranstalten und den Reinertrag derselben der Gemeinde zu stiften. Ich hoffe, dass mir das möglich sein wird. Einstweilen bitte ich Sie aber, nicht davon zu sprechen, da ich noch nicht weiss, ob alles so zu Stande kommen wird, wie ich es mir denke.
Zunächst hebe ich keinen sehnlicheren Wunsch, als Sie und Ihre liebe Familie im nächsten Sommer gesund wiederzusehen.
Seien Sie alle herzinnigst gegrüsst von Ihrem ergebenen

Paul Juon

Es ist mir jetzt auch klar geworden, dass Juon dann auf Grund dieses Versprechens im darauffolgenden Jahr den Brief an Ernst Schweri schrieb, dessen Bekanntschaft er sicher anlässlich seines Besuches im Frühling 1922 gemacht hatte. (Vermutlich ist damals auch der Scherenschnitt von Hanni Bay entstanden, die mit Schweris gut bekannt war und 1922 an einer Ausstellung des Bündner Kunstvereins teilnahm.) Ich habe schon vor Jahren die Churer Zeitungen von 1923/24 durchsucht, aber es fanden sich keine Spuren von einem Konzert in Chur oder Thusis. Der Besuch der beiden Brüder Paul und Eduard in Masein war privater Natur gewesen und hat in den Zeitungen kein Echo gefunden.
Diese drei Briefe, sowie mehrere Briefe Eduards an Luzius Giesch und weitere Dokumente hat die IJG anlässlich einer Veranstaltung erhalten, von der ich Ihnen jetzt berichten will.

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Am 13. und 14. März fand im Schloss Tagstein bei Masein eine Tagung statt, die den beiden russischen Emigranten gewidmet war, welche Bürger von Masein waren: Paul Juon und Anton Feltscher (der Name ist auf der letzten Silbe zu betonen). Der letztere war 1825 in Riga als Sohn des Maseiner Konditormeisters David Feltscher geboren worden und wurde dann als Schauspieler weltberühmt. Die Villa, die er sich nach seiner Rückkehr aus St. Petersburg in Masein erbaut hat, steht noch.
Wir haben die beiden in einer kleinen Ausstellung vorgestellt, und neben zwei russischen Mahlzeiten und zwei anderen Vorträgen gab es zwei Konzerte: Marcellina Casanova, Alt, und Pavel Chaloupka, Klavier, interpretierten eine Auswahl der russischen Volkslieder, die Paul Juon im ersten Weltkrieg gesammelt und bearbeitet hat, als er in Ostpreussen in einem Gefangenenlager Dienst als Dolmetscher leistete. Ferner standen noch Klavierstücke aus Juons op. 48 und op. 79 sowie Werke von Dvorák und Tschaikowsky auf dem Programm.
Das zweite Konzert brachte nochmals die drei "russischen" Flötensonaten mit den gleichen Interpreten wie in Reichenau: Livia Bergamin und Risch Biert spielten Sonaten von Otar Taktakishvili, Paul Juon und Sergej Prokofjew. Vor diesem Konzert am Sonntagvormittag habe ich in einem Vortrag die Auswanderungsgeschichte der Familie Juon dargestellt und eine Einführung in die Flötensonate gegeben. Dieser Anlass war auch recht gut besucht, während die Veranstaltungen des Vortags nur wenige Zuhörer angelockt hatten. Es ist auch begreiflich, dass an einem der ersten wärmeren Vorfrühlingstage die Lust auf einen Skitag grösser ist als auf einen Vortrag über wirtschaftliche oder historische Probleme mit Russland, über Multikulturalität und Globalisierung!
Trotzdem hat die Veranstaltung uns allen viel geboten, und ich habe mir vorgenommen, dass wir die erste Mitgliederversammlung der IJG ebenfalls in Masein abhalten werden. Vielleicht schon im Laufe dieses Jahres werde ich eine Einladung verschicken, und ich möchte natürlich schon jetzt gerne wissen, was Sie davon denken. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Ihre Vorschläge für den Termin oder Anregungen für das Programm mitteilten. Ob der eine oder andere von Ihnen die Reise unternehmen wird? Und an die Musiker unter Ihnen geht die Frage: wer wäre bereit, an einem Konzert mitzuwirken?

Um Sie zur Teilnahme anzuregen, lege ich diesem Brief eine Zeichnung von Schloss Tagstein bei. Es handelt sich um eine Pension mit 23 Zimmern, in der man sehr wohl auch ein paar ruhige Ferientage verbringen könnte, nicht nur ein Wochenende, finden Sie nicht auch? Es gibt herrliche Wanderwege in der Gegend... Die Leiter möchten aus dem Schloss ein regionales, aber weltoffenes Kulturzentrum machen.

Schloss Tagstein in Masein bei Thusis

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Die angekündigte Home-Page der IJG ist aufgeschaltet. Sie können sie unter der Adresse www.spin.ch/homepages/ijg bewundern. Sie finden dort:

biographische Daten über unseren Komponisten,
ein Photoalbum mit zehn Bildern,
das Verzeichnis seiner Kompositionen (Klavier, Kammermusik, Orchester),
das der noch käuflichen Werke und ihrer Verlagshäuser,
das der bis jetzt erschienenen CDs (16 sind es bereits!),
die Statuten der IJG,
Informationen über den Katalog: Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Musterseite,
div. längere Texte mit Notenbeispielen (Vorträge, Artikel)
einen Artikel von Eberhard Preussner über P. J. aus dem Jahre 1926
elektronische Formulare für die Anmeldung, sowie für die Bestellung von CDs oder Katalog.

Natürlich soll die Site bei Gelegenheit ergänzt und erneuert werden, und Sie alle sind herzlich eingeladen, daran mitzuarbeiten: ich nehme gerne Beiträge, Anregungen, Kritik und Komplimente entgegen! Ist vielleicht jemand unter Ihnen, der die eine oder andere Seite auf Englisch oder Französisch übersetzen könnte? Die Musiker bitte ich, mir die Programme ihrer Konzerte mitzuteilen, wenn sie etwas von Juon spielen. Wenn genügend Angaben da sind, könnte ich z. B. noch eine Liste der Konzerte mit Werken unseres Komponisten beifügen. Kürzlich hat übrigens das Trio Jean Françaix die Trio-Miniaturen in Japan gespielt, und in Chur plant man eine Aufführung der "Mysterien"...

Dank dem Internet habe ich auch zwei mir bisher unbekannte CDs gefunden und bei www. amazon. com sogar bestellen und kaufen können:
"Russian Viola" (Russian Disc, RD CD 10 060): Svetlana Stepchenko und Zoya Abolitz spielen, neben Werken von Alexei Gantsher und Sergei Prokofiev, die beiden Bratschensonaten op. 15 und 82a, sehr frei und romantisch, was besonders der Poesie der f-Moll-Sonate sehr gut bekommt.
"from Juon to Jazz" (Protone Records, NRPR 2201) bringt Juons Flötensonate op. 78, gespielt vom Duo Aguilar-Delgado, ferner Werke von A. Molina, F. Kuhlau, M. Doran und H. Smith.

Die beiden Schaufenster des Vereins für Bündner Kulturforschung an der Churer Reichsgasse sind gegenwärtig Paul Juon gewidmet. Dort sind einige CDs, mein Werkverzeichnis und andere Bücher sowie Photos und Kommentare ausgestellt.
Die fünfstündige Sendung bei Espace 2 scheint nicht zustandezukommen, aber dafür planen sie für den 21. Juni eine kürzere. Der Zeitpunkt ist mir aber noch nicht bekannt.

Ich bin am letzten Mittwoch aus Paris zurückgekehrt, wo ich Aja Erguine bei ganz ordentlicher Gesundheit angetroffen habe, obwohl sie sich bei einem Sturz den Hüftknochen gebrochen hat. Die Noten aus ihrem Besitz gehen an das "Conservatoire Serge Rachmaninoff" in Paris, denn so wird sowohl die Beziehung zu Moskau wie die zum Nachlass in Lausanne leicht möglich sein. Ich glaube, dass das eine gute Lösung sein kann. Ich durfte einige Sachen für unser Archiv auswählen: die Manuskripte der Jugendwerke, drei Orchesterpartituren und einen ganzen Koffer voll Briefe und Dokumente, meist persönlicher Art. Vorläufig behalte ich die Sachen bei mir. In welcher Bibliothek wir unser Archiv dann ablegen werden, ist noch nicht entschieden. Ich möchte Aja und ihrem Sohn Gabriel Erguine ganz herzlich für die Zuwendung danken.

Zum Schluss noch ein paar administrative bez. "geschäftliche" Mitteilungen:

1. Ich habe beschlossen, dieses Mitteilungsblatt an alle meine Adressen zu versenden, auch an Mitglieder IN SPE, die bisher nicht reagiert haben. Diese bitte ich ganz herzlich, mir das nicht übelzunehmen.
2. Bitte beachten Sie die Adresse auf dem Briefumschlag: die Zahl 98 oder 99 gibt an, bis zu welchem Jahr Sie (nach meiner Meinung) den Mitgliederbeitrag bezahlt haben. Wenn nichts steht oben rechts, haben Sie noch nichts überwiesen, und damit Sie dem abhelfen können, lege ich einen Einzahlungsschein bei (der Einfachheit halber allen Adressaten). Der Jahresbeitrag beläuft sich auf 30 Schweizerfranken, für Kollektivmitglieder 100. Falls meine Buchhaltung nicht richtig sein sollte, bitte ich Sie um Bericht und Entschuldigung. Ich tue mein Bestes.
3. Mitglieder im Ausland können mir den Betrag (Schweizer Banknoten) in einem gewöhnlichen Briefumschlag senden. Ich werde ihnen eine kurze Bestätigung schicken, sobald ich ihn bekommen habe. Wir haben aber jetzt auch ein Bankkonto:
MIGROSBANK, Konto 16 905.060.3.00, Filiale Chur
Es ist auch gut möglich, mehr als einen Jahresbeitrag aufs Mal zu überweisen, aber bitte teilen Sie das mit, sonst wird der Rest als Spende verbucht. Und bitte schicken Sie mir keine Schecks.

Mit herzlichen Grüssen und vielen guten Wünschen bis zum nächsten Mitteilungsblatt bin ich Ihr

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