Mitteilungsblätter


Nummer 39

1. Oktober 2017

Liebe Juon-Freunde

1. Oktober 2017

Liebe Juon-Freunde

Das vorliegende Mitteilungsblatt ist kleiner im Umfang, als Sie sich das gewohnt sind. Schläft etwa der Vorstand oder ist der Präsident, der es jeweils zusammenstellt und formuliert, faul geworden oder gar die Gesellschaft nicht mehr aktiv?

Nein, bei den drei Vorstandsmitgliedern laufen die Computer heiss, denn sie arbeiten wie wild am Schwerpunktprojekt der IJG, der Orchester Edition. Davon ist nach aussen (noch!!) nichts sichtbar. Im Hauptartikel erfahren Sie, wie wir diese Arbeit konkret angepackt haben und wo wir im Mo-ment stehen.

Und sicher haben Sie Verständnis dafür, dass in einer solchen Phase die äusseren Anlässe halt zurückstehen müssen.

Trotzdem müssen Sie nicht auf das Kapitel 'Begebenheiten' verzichten, kann ich Ihnen das Erscheinen einer neuen CD mit Juon-Werken ankündigen oder wächst die Konzertchronik auf unserer Homepage kontinuierlich – alles Zeichen einer vielgestaltigen, lebendigen und aktiven Pflege des Juon'schen Erbes.

Ich wünsche Ihnen gute Lektüre, stehe für Fragen gerne zur Verfügung und grüsse Sie herzlich, Ihr


 

 

 

Die <Orchester Edition>, das Schwerpunktprojekt der IJG

In der letzten Ausgabe unseres Mitteilungsblattes habe ich Ihnen die <Orchester Edition>, das neue Schwerpunktprojekt unserer Gesellschaft, vorgestellt. Heute nun - da wir (d.h. der Vorstand) die entsprechenden Erfahrungen selbst gemacht haben - möchte ich Ihnen erzählen, wie diese Arbeit konkret abläuft. Denn, wie letztes Mal ausgeführt, muss für einige Werke aus den im letzten Mitteilungsblatt genannten Gründen neues Aufführungs-Material hergestellt werden.

Meine Ausführungen beziehen sich auf das Teilziel 'Noten-Edition'. Als Beispiel nehme ich die Tanz-Capricen, op. 96, von welchem Werk wir soeben die weiter unten beschriebene erste Phase abgeschlossen haben. Die Musik besteht aus den Sätzen Stampf-Tanz, Nordische Schwärmer, Infernale, Nächtlicher Fackelzug, Marionetten, Schleiertanz persischer Mädchen und Rhythmen des Südens.
Hier möchte ich Ihnen eine Anmerkung aus Th. Badrutts Buch 'Leben und Werk' nicht vorenthalten:
Die Satzüberschriften sind in der Partitur und in den meisten Stimmen überklebt. Am 3. 4. 1939 schreibt Juon darüber an seinen Freund Hans Chemin-Petit: "...ich bin kein Freund von dergl. Programm-Angaben. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Zuhörer sehr dankbar zu sein pflegen für solche Hinweise. Sie haben ja alle keine Phantasie und müssen eben etwas 'gekitzelt' werden. Ich wurde oft gefragt: <Was haben Sie sich eigentlich gedacht? Was soll die Musik vorstellen?> Es ist zum Lachen!!!..."
Die op. 96 ist (wie die meisten Juon'schen Orchesterwerke) sehr gross besetzt: 4 Flöten (2 auch Piccolo), 3 Oboen (1 auch Englischhorn), 2 Klarinetten, 1 D-Klarinette, 2 Fagotte, Kontrafagott; 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba; Pauken, grosse Trommel, kleine Trommel, Becken, Triangel, Tamburin, Glockenspiel, Xylophon, Tamtam, Kastagnetten; Harfe; 1. Violine, 2. Violine, Viola (bis 4-fach geteilt), Violoncello, Kontrabass.
1941 wurden bei Robert Lienau, Berlin von Kopisten Stimmen von Hand ausgeschrieben und diese dann kopiert, bzw. gedruckt. Die so entstandenen grossformatigen Stimmhefte, die jeder Orchestermusiker auf dem Pult hat, umfassen pro Instrument bis zu 19 Seiten. Weiter steht uns eine Reproduktion des Partitur-Manuskriptes zur Verfügung.
Die erste Arbeitsphase besteht nun darin, diese Stimmen mittels eines Notenschreibprogramms und eines Keyboardes in den Computer einzugeben und so eine Partitur zusammenzuzustellen. Das liest sich so einfach... In Wirklichkeit muss diese Eingabe von total über 1000 Takten für jedes einzelne Instrument Ton für Ton geschehen, in weiteren Durchgängen müssen auch alle Zeichen abgebildet werden (Dynamik, Bindebögen, staccato-Zeichen, geteilte Stimmen (unter Umständen auf mehrere Ebenen verteilt), etc., etc). Leider enthalten unsere handschriftlichen Stimmen viele Druck-, bzw. Schreibfehler. Wenn also etwa ein 12/8-Takt in der Vorlage nur 11 oder 13 Achtel enthält, muss - vielleicht anhand anderer Stimmen - z. B. entschieden werden, welche Verteilung von Noten und Pausen die richtige ist.
Zu erwähnen wäre noch, dass wir drei 'Töggeler' mit denjenigen professionellen Notenprogrammen arbeiten, die wir privat gekauft haben und uns vertraut sind, nämlich entweder mit 'Sibelius' oder 'Finale', welche aber zum Glück untereinander weitgehend kompatibel sind.
Wie Sie erahnen, sind der Probleme viele; aber irgendwann sind wir dann glücklich soweit, dass auf dem Bildschirm eine Roh-Partitur erscheint.
In Phase zwei muss nun Christof Escher, der Leiter des Projektes, diese Partitur wiederum Takt für Takt minutiös mit der handschriftlichen vergleichen. Dabei stellt er vielleicht fest, dass der Kopist (u. U. war es auch der Komponist) an einer Stelle z. B. bei der ersten Flöte forte geschrieben hat, bei der dritten aber fortissimo. Was gilt? Oder wollte Juon diese Differenzierung? Oder ein Ton kann nicht stimmen. Was gilt? Bei der spätromantischen komplexen Harmonik oft kein leichter Entscheid - da ist viel Angleichungs- und Korrekturarbeit nötig.
Als Ergebnis dieser riesigen Arbeit ist dann endlich eine Partitur ediert, die einerseits als sog. 'Praktische Ausgabe' gedacht ist, mit welcher also Dirigenten und Orchester ohne weiteres arbeiten können; die andrerseits aber auch wichtigen Kriterien einer 'Wissenschaftlichen Ausgabe' genügt, auch wenn der umfangreiche sog. 'Kritische Apparat' als Beilage fehlt.
Das Musikprogramm kann nun aus der fertigen Partitur wiederum die einzelnen Stimmen ausziehen. Diese stimmen zwar automatisch genau mit der Partitur überein, in dem Sinne, dass es keine Differenzen mehr zwischen Partitur und Stimmen gibt wie etwa abweichende Töne. Orchestermusiker unter Ihnen wissen allerdings, dass eine Spielstimme nicht einfach aussieht wie aus der Partitur herausgeschnitten und zeilenweise wieder zusammengeklebt. So müssen etwa Leertakte, die in der Partitur einzeln erscheinen, für die Stimmen in sinnvollen Gruppen von Blockpausen zusam-mengefasst oder Stichnoten von andern Instrumenten eingesetzt werden, damit der Einsatz für den einzelnen Musiker nach vielen Takten Pause klar ist. Oder das Layout der Seite muss so angepasst werden, dass sinnvolles Wenden von Seiten möglich wird, etc., etc. Also ist auch für diese dritte und letzte Phase nochmals viel, viel Detailarbeit und wiederum genaue Kontrolle nötig.

Für uns Musiker ist diese 'Töggelerei' spannend und lehrreich, weil sie erhellende Einblicke gibt in Juons Kompositionstechnik oder die teilweise extremen Anforderungen an gewisse Instrumente.

Wo stehen wir? Wie geht es weiter?

Bereits sind von den beiden Werken Psyche, op. 32A und Tanz-Capricen, op. 96 die Roh-Partituren fertig. Die weiteren werden folgen. Parallel zum Eingeben der Stimmen hat Christof Escher aber bereits mit der Edierung (Phase 2) begonnen.

Wenn die definitive Partitur und die Stimmen auf dem Computer abgespeichert sind, kann mit der 'Vermarktung' begonnen werden.
In unserem Fall heisst das wohl zum einen, dass wir weiterhin versuchen, sowohl die BCU wie vielleicht auch Musikverlage einzubeziehen.
Zum andern hoffen wir natürlich, dass Dirigenten, Orchester und Musikkommissionen aufmerksam werden und Interesse anmelden, denn erst jetzt steht ja brauchbares Aufführungsmaterial zur Verfügung. Häufig ist es heutzutage allerdings so, dass diese digitalisierten Files erst dann ausgedruckt werden, wenn es wirklich zu Proben, Aufführungen und/oder Einspielungen kommt. Die Rechte dafür liegen selbstverständlich bei Christof Escher und der IJG.

Damit schliesst sich der Kreis und wir sind beim zweiten Ziel unseres Schwerpunktprojektes, der Aufführung und Einspielung der gross besetzten Orchester-und Solowerke.

Aufnahmen mit Berufsorchestern sind naturgemäss teuer. Ich bitte Sie im Namen des Vorstandes, ja der ganzen IJG, uns zu helfen, dass es - über Stiftungen, Sponsoren und dem Interesse von Musikkommissionen - möglich wird, diese aufwändig zur Verfügung gestellten Partituren auch wirklich in grossartige Musik umzusetzen. Dafür dankt Ihnen der Vorstand herzlich.

PS: Die Gesamtübersicht über die Werke mit Orchester entnehmen Sie bitte unserer Homepage www.juon.org --> Orchester Edition.

 

Begebenheiten aus dem Leben der Int. Juon Gesellschaft

a) Neues aus der BCU in Lausanne

Frau Monnier, die Leiterin der 'archives musicales' der BCUL, welche auch den Fonds Paul Juon betreut, hat mir bereits vor einiger Zeit mitgeteilt, dass die Webseite <Paul Juon – fonds partagés avec la Fonoteca> fertig ist, mit schönen Abbildungen, praktischen und biographischen Informationen und einem kurzen Paragraphen zur Juon-Gesellschaft.
Sie ist aufrufbar unter:
http://www.bcu-lausanne.ch/patrimoine/archives-musicales/fonds-partages-avec-la-phonotheque-nationale/fonds-paul-juon/
[Diese Meldung kommt leider etwas verspätet. Die Seite wurde ausgerechnet wenige Tage nach Redaktionsschluss der Februarnummer fertig, weshalb Sie die Orientierung erst jetzt erhalten.]
b) Webarchiv Schweiz

Zusammen mit den Schweizer Kantonsbibliotheken und schweizerischen Spezialbibliotheken (z. B. Fonoteca) - gesamthaft sind 31 Institutionen zusammengeschlossen - verfolgt die Nationalbibliothek seit einiger Zeit auch das Ziel, den Wandel von Websites über Jahre und Jahrzehnte hinweg zu dokumentieren. Webarchiv Schweiz hat u. a. auch unsere Webseite dazu ausgewählt. Jährlich wird an einem bestimmten Stichtag die zu diesem Zeitpunkt aktuelle vollständige Webseite <juon.org> archiviert. Über http://www.e-helvetica.nb.admin.ch kann sie an diversen Standorten, wie beispielsweise der Kantonsbibliothek in Chur etc., eingesehen werden.

c) Mitgliederbeiträge/Gönnermitglieder/Spenden

Wir danken allen Mitgliedern für ihren Beitrag; und ganz besonders freut sich der Kassier, dass er nur ganz wenige Mahnungen wird versenden müssen...
Aufgrund unseres Aufrufes im letzten Mitteilungsblatt konnten wir zwei Gönnermitglieder gewinnen, die beide stark mit der IJG verbunden sind.
Ihnen und auch den weiteren Personen, die ihren Mitgliederbeitrag aufgerundet haben, möchten wir ganz speziell danken.
So freuen wir uns, wenn Sie alle mithelfen und sich der Kreis ständig vergrössert, welcher dem Orchester Editions-Projekt hilft, voranzukommen.

d) Auflösung OE-Konto

Im Hinblick auf das Orchester Editions-Projekt haben wir damals bei der Postfinance ein spezielles Konto dafür eingerichtet. Da aber die seit 1. Januar 2017 massiv erhöhten Spesen über den Bewegungen liegen, welche über dieses Konto hätten laufen sollen, haben wir es wieder aufgelöst, um unnötige Ausgaben zu vermeiden. Alle Bewegungen laufen nun (wieder) über unsere normale Postfinance Konto-Nummer 90-118805-6, bzw. IBAN CH70 0900 0000 9011 8805 6, sind aber natürlich einzeln* ausgewiesen, damit jederzeit volle Transparenz gewährleistet ist.
*Mitgliederbeiträge, Gönnermitglieder, Spenden, Orchester Edition, andere Gesellschaften, Anschaffungen, Gebühren, Weiteres.

e) Neuerscheinung CD mit Klaviermusik von Juon

Seit dem 1. August 2017 ist eine neue, sehr schöne und hörenswerte CD mit Klavier-Solowerken erhältlich. Der mexikanische Pianist Rodolfo Ritter hat eine erste Gruppe beim Label Toccata Classics unter der Nummer TOCC 0290 / EAN 5060113442901 eingespielt:
op. 30, Intime Harmonien, Zwölf Impromptus für Klavier
op. 56, Neun Moments lyriques für Klavier
op. 65, Vier Klavierstücke
Die Zusatzbemerkung 'Volume one' auf dem Umschlag deutet darauf hin, dass der Pianist in einer ganzen Reihe weitere Werke einspielen will. Da können wir uns auf noch mehr Perlen freuen.

f) Und dann noch dies...

Wie Sie das sicher alle auch kennen, nerven uns die unnötigen Werbemails, mit denen wir überschwemmt - heute sagt man vielleicht 'gespamt' - werden. Auf www.juon.org suchen uns, trotz gutem Abwehrprogramm unseres Providers, vor allem solche in spanischer Sprache heim. Die idiotischen Suchmaschinen lesen wohl den Bündner Namen Juon als spanischen Vornamen Juan...


 

Zum Anfang