Langenbruck, den 15. 9. 1923
Sehr geehrter Herr Musikdirektor!
Für Ihre freundliche Bereitwilligkeit, ein wenig Propaganda für mein erstes Auftreten in Chur zu machen, danke ich Ihnen herzlich. Ich habe meinen Verleger gebeten, Ihnen einiges Material zu diesem Zweck zu senden, bezweifle aber, ob es noch rechtzeitig eintrifft, darum möchte ich Ihnen hier einige Daten über mein Leben und Wirken geben.
Ich bin 1872 in Moskau geboren (bin aber schweizerischer Abstammung: mein Grossvater war aus Masein b/ Thusis nach Russland ausgewandert. Die Gemeinde Masein hat das auch ohne weiteres anerkannt und mir einen Heimatschein ausgestellt). Nach Absolvierung der Moskauer Deutschen Realschule kam ich aufs dortige Konservatorium, um zunächst Geige zu lernen. Später nahm ich auch Kompositionsstunden auf (bei Tanejew und Arensky). Nach Absolvierung des Konservatoriums war ich ein Jahr lang Violin- u. Theorielehrer in Baku a/ Kaspischen Meer. Dann zog ich nach Berlin, um das dortige musikalische Leben kennen zu lernen und weitere Studien zu treiben. Ich hatte 2mal das Glück, den Mendelssohnpreis zu gewinnen, meine Werke wurden hier und da mit Erfolg aufgeführt, es fand sich auch ein Verleger, der sie herausgab. Das alles veranlasste mich, in Deutschland zu bleiben und mich mehr dem Komponieren zuzuwenden, während ich das Geigenspiel nach und nach vernachlässigte. Im Jahre 1905 wurde eine Symphonie von mir vom Meininger Generalmusikdirektor Fritz Steinbach mit sehr grossem Erfolg in Berlin aufgeführt. Gleich darauf berief mich der damalige Direktor der Hochschule für Musik, Josef Joachim, als Lehrer an dieses Institut. Bald wurde ich zum Professor ernannt, auch in die Akademie gewählt. Verschiedene Ehrenämter wurden mir übertragen, z. B. bin ich Kurator der Mendelssohnstiftung, Mitglied der Staatl. Sachverständigen-Kammer u. a. m.
Meine Werke fanden immer weitere Verbreitung und werden nicht nur in Deutschland, sondern auch im übrigen Europa und neuerdings auch in Amerika ziemlich viel aufgeführt. Der Schwerpunkt meines Schaffens liegt auf dem Gebiet der Kammermusik: 4 Sonaten, 4 Trios, 5 Quartette, 2 Quintette, 1 Sextett, 1 Kammersinfonie, daneben viele kleinere Stücke für Klavier und Violine; grössere Werke für Orchester habe ich nicht viel geschrieben: ausser der Symphonie nur noch eine symphonische Phantasie (Wächterweise) über dänische Volkslieder, eine Serenadenmusik und ein Ballett "Psyche", das in Budapest aufgeführt wurde, 2 Violinkonzerte und 1 Triplekonzert. In der Schweiz ist meines Wissens noch nicht viel von mir aufgeführt worden. Ein Klavierquartett spielte ich selbst in Basel, Aarau u. Zürich, das Triplekonzert dirigierte ich in Bern. Ausserdem wurden die Kammersinfonie und ein Trio in Zürich und Genf aufgeführt.
Meine Werke zu charakterisieren geziemt mir eigentlich nicht. Nur ganz kurz kann ich sagen, dass sie fast durchweg ziemlich herb und von düsterem nordischem Kolorit sind. Bekanntlich sind die Eindrücke, die man in der Jugend empfängt, die stärksten, darum sind hauptsächlich Einflüsse der russischen Volksmusik (die ich, übrigens, sehr liebe) in meinen Werken vertreten. - Das dürfte genügen.
Ihnen nochmals herzlichst dankend, grüsst Sie und auch Ihre Frau Gemahlin bestens
Ihr ergebener Paul Juon